Mein Abenteuer Reisepass

Auf dem Heimweg meines Neuseelandaufenthaltes passierte mir ein Mißgeschick, dass man wohl als Urlaubs- Alptraum bezeichnen könnte. Viele würden jedenfalls auf die Frage was sie nie im Urlaub erleben möchten, den Verlust des Reisepasses angeben.  
Ich besuchte auf Neuseelands Südinsel meine Tochter Eva und ihren kleinen Sohn
So musste ich auf dem Heimweg zuerst von den Südinsel zur Norinsel fliegen, etwa eine halbe Stunde. 
Nachdem ich mir im Flughafen Wellington die lange Wartezeit vertrieben hatte, ging ich zum Einchecken zum Quantas Schalter. Obwohl der Flieger erst um 17 Uhr abheben sollte, stellte ich mich um 13.45 an. Ich griff in meinen Rucksack und wusste: „hier stimmt etwas nicht"… Und schnell kam die Gewissheit, mein Gefühl war begründet. Der Reisepass war weg. Mehrmals wiederholte ich die Suche, doch erfolglos. Ich meldete dies am Schalter, auch dort war man betroffen, empfahl nochmals zu suchen. Dann folgte der Rat zum Schalter von Air NewZealand zurück zu gehen. Da ich mit dieser Fluggesellschaft in Wellington ankam, konnte ja der Reisepass dort sein. Doch selbst aufwendiges Suchen half nicht. Mittlerweile verstrich die Zeit. Erst schien 17 Uhr so weit weg, doch nun war alles anders. „Gehen Sie zur Polizei und melden den Verlust. Die Verlustmeldebescheinigung brauchen Sie um ein Ersatzdokument bei ihrer Botschaft zu bekommen". Die freundlichen Mitarbeiter von dort schrieben mir die Adresse der Botschaft auf und ließen mich mit dieser telefonieren. Der deutsche Beamte dem ich mein Unglück beschrieb, teilte mir recht deutlich mit, dass es wohl chancenlos sei die Dokumente rechtzeitig für den Rückflug um 17 Uhr zu beschaffen.

„1-3 Tage dauert das normalerweise. Sie benötigen noch Passfotos, die Verlustmeldung und dann müssen sie vor 15.30 hier sein. Ich habe noch weitere Kunden und dann macht ja auch die Botschaft zu…"
Ich: „Und was machen Sie wenn ich nach 15.30 mit allen Dokumenten eintreffe? Lassen Sie mich dann stehen?" fragte ich ihn.
„Was stellen Sie sich vor? Das können Sie nicht schaffen. Die Dokumente, die Fotos, die Fahrzeit vom Flughafen zur Botschaft beträgt etwa 40 Minuten. Dazu ist Berufsverkehr, und da geht nichts… Nochmals fragte ich, doch er „blockierte".
OK, dachte ich. Dann versuch ich jetzt das Beste draus zu machen. Nach etwas Suchen und Fragen fand ich das Police Office im Keller. Der einzige Beamte dort war sehr beschäftigt und versuchte mein schlechtes Englisch zu kompensieren. Als mein Mißgeschick deutlich wurde versuchte er mir klar zu machen, dass er keine Dokumente hätte um die Meldung aufzunehmen. Doch meine Ratlosigkeit lies ihn wohl erfinderisch werden. Er telefonierte mit einer Kollegin in einem anderen Office und reichte mir das Telefon. „Geben Sie ihr alle Informationen, sie Mailt dann das Dokument hier hin". Tolle Idee, doch verstand ich kein Wort von dem, was diese Dame fragte. Und so wurde ein Dolmetscher eingeschaltet. Die Korrespondenz ergab sich problematisch, da das Mobilnetz des Polizistenhandys so schlecht war, das ich nahezu jedes Wort buchstabieren musste. Doch irgendwann war das Dokument aufgenommen und landete im Drucker des Office. Zwischenzeitlich hatte ich per Whats App meine Tochter informiert und sie gebeten den Versuch zu starten die Botschaft „zu besänftigen" und die Fluggesellschaft zu informieren ich würde versuchen das Unmögliche möglich zu machen. Und – bitte auf mich zu warten…

Puh. 15.15 und nun ab zum Taxi. Mist. Die Adresse der Botschaft- der Zettel war weg!!! Die verzögerungen rissen nicht ab. Ich fragte mich, wer denn wohl auf der Leitung stehen würde. Der liebenswürdige Polizist schrieb sie mir nochmal auf. Die Minuten…
Dennoch renne ich nochmals zum Quantas Schalter und teile mit: „Ich versuche mein Dokument zu besorgen. Darf ich meinen Koffer hier lassen?" „Das geht nicht", sagt die nette Quantas Dame… Nun gut, dann muss er halt mit. Immerhin ist der Schalter am Ausgang und da steht auch ein Taxi. Doch, das wäre wohl zu einfach gewesen…

Denn nun erzählt mir der erstbeste Taxifahrer: „Hier ist der Eingang. Wir dürfen hier niemanden aufnehmen, dann verlieren wir die Zulassung." Dass ich so schreckliche Zeitnot habe, macht dabei keinen Eindruck… Also, ab zum Ausgang. Rein in den Flughafen. Runter mit der Rolltreppe und wie solls anders sein… sie ist defekt. Also: 23 Kg die Rolltreppe hinuntertragen. Und weiter…

Ich erinnerte mich, Neuseeland lebt von den Gastarbeitern, vor allem im Taxigeschäft. Mein Fahrer sprach sicherlich nicht mehr Englisch als ich. Doch irgendwie verstand er was ich wollte.
„Passfotos machen hier Apotheken und Drogerien". Ich glaubte ihm irgendwie, denn ich erinnerte mich, dass dies in der Eifel früher auch so war. Und dort lebten wir ja auch Jahrzehnte hinter der Zivilisation. Er, der Araber hatte auch verstanden, dass ich eigentlich schon vor Stunden da sein musste, an der Botschaft. Und so tuckerten wir los. Anders konnte man das nicht nennen. Ein Stop nach dem anderen. Es war fast 15.30 und da sollten wir doch schon da sein. „40 Minuten brauchen sie" hatte der Beamte gesagt… Doch ich konnte selbst darüber nicht mehr nachdenken. Mein Kopf war leer. Nicht ganz, denn ich begann zu überlegen… Fotos in der Drogerie am Bahnhof hatte der Taxifahrer gesagt… Er telefonierte- und dann bestätigte er das: „Apotheke". Ich überlegte was ich denn mit dem Koffer machen sollte. Lass ich ihn mit all den Sachen bei einem Fremden im Taxi? Nun, in diesem Chaos… „Was hatte ich noch zu verlieren?"

Ich rannte aus dem Taxi in die Apotheke. „Hallo" rief ich, als ich erst mal niemand sah. Unaufgeräumt sah das alles aus. Geschockt waren die beiden Angestellten als ich ihnen mein Missgeschick erzählte. "Ich brauche dringend Fotos für einen neuen Reisepass. Um 17 Uhr geht mein Flug…"
Während die eine mich in eine Abstellkammer mit viel Chaos schob, suchte die andere im Internet nach dem Format der Fotos in deutschen Reisepässen. Ich dachte an Boris Becker in der Besenkammer während ich in diesem Chaos saß, eine Frau mit einer kleinen Kamera, die mich an den Fotoapparat erinnerte, den ich zu meiner Erstkommunion bekommen hatte.
„Und das sollen Passfotos werden?" fragte ich mich. So was Durchgeknalltes. Slapsticks können nicht verrückter sein. Didi Hallervorden lässt grüßen. Ja, ich gebe zu, ich hatte darüber nachgedacht ob es vielleicht nur ein Traum sei. Doch es kam mir eher vor wie eine Art Prüfung. „Was ist mit deinem Vertrauen?"…
Während die Fotos aus dem Drucker laufen, der überdies noch angeschlossen werden musste… hab ich das Gefühl als verändere sich etwas. Als würde eine Art Schalter umgelegt. Ich wiederhole nochmals meine klare Aussage nach „Oben": „Wenn das hier noch klappen soll, dann übernehmt die Führung".
Ich frage die Angestellten ob sie Visa nehmen. Warum eigentlich, habe ich doch vorher immer mit Dollar gezahlt. Aber, sie nehmen Visa, wer weiß wofür es gut ist…

Der Taxifahrer ist währenddessen direkt vor die Tür gefahren und fährt sofort los. Recht flott geht’s nun voran und kurz vor 16 Uhr stehen wir vor der Botschaft, während ein Mann in Uniform ins Taxi schaut und nach einem Herrn Leuwer fragt. Nun, das ist nun wirklich fast Filmreif. Auch der Taxifahrer nimmt Visa, wieder denke ich nicht über die Alternative Bargeld nach.

„Ich passe auf ihren Koffer auf", sagt der nette Uniformierte und schickt mich zum Pförtner. Dieser klärt nochmals meinen Namen und schon stehe ich vor dem Mitarbeiter der Botschaft, der mir wie zuvor, wieder erklärt: „Das kann doch alles nicht gehen. Um 17 Uhr geht ihr Flugzeug…"

Füllen sie diese 2 Formulare aus, lassen sie alles offen was sie nicht wissen… Ich erinnere mich an Träume bei denen ich Prüfungen schrieb und vor lauter Angst nicht mehr schreiben konnte. Und wie bei der Polizei dachte ich mir: „Und nun erst recht". Dem Beamten sagte ich: „Wunder sind dazu da, zu geschehen…" Er ergänzte die Formulare die ich in etwa 3 Minuten ausgefüllt hatte während ich ihn fragte: „Entschuldigen Sie, darf ich eine dumme Frage stellen? Wie lange dauert es denn wirklich dieses Dokument zu erstellen?"

„Nun, im Normalfall 2- 4 Stunden. Die Daten müssen ja übermittelt werden. Manchmal dauert das länger. Wenns sehr gut läuft kann es auch in 20 bis 40 Minuten fertig sein.
16.05 zeigte meine Uhr. Puh. 55 Minuten. Nicht eingecheckt. Berufsverkehr… Bestell schon mal ein neues Taxi, sagte die Innere Stimme. „Kann ich denn schon ein Taxi bestellen" fragte ich den Beamten, als er erklärte das er jetzt zur Datenübermittlung gehe…
Gut. So bestellte ich beim Pförtner ein neues Taxi und warte. „Prüfen sie alle Daten und unterschreiben sie hier" war die Aussage als er wieder auftauchte. Schnell hatte ich unterschrieben während ich ihn fragte: „Wäre es Ihnen möglich bei meiner Fluggesellschaft anzurufen und auszurichten, das ich unterwegs bin?"
„Also, ich habe für sie so viel mehr gemacht als es üblich ist. Und das werde ich ganz sicher nicht tun. Sie müssen das Dokument noch bezahlen", teilte er noch mit… „Nehmen sie Visa?" fragte ich, denn mittlerweile war mir eingefallen, ich konnte ja kaum noch Bargeld haben. Und für diesen Pass konnte das nie reichen.
„Im Prinzip ja, doch ist unser Lesegerät defekt". „Nehmen sie denn Euro", fragte ich, denn wir waren ja in der deutschen Botschaft. „Nein, ganz sicher nicht, denn wir sind in Neuseeland und da ist der Euro nicht die Währung. 32 Dollar bekomme ich von ihnen".

Irgendwie wunderte ich mich selbst über meine Ruhe und das ich selbst bei dieser Oberlehrerhaften Verhaltensweise gelassen blieb. Also nahm ich meinen Geldbeutel und zog mein Bargeld heraus und hatte 30 Dollar in Scheinen. Ich nahm den Rest Münzen. Und – ein 2 Dollar Stück. Rest 40 Cent.
Ich lachte und wusste, dass das schon sehr durchgeknallt war. Ich bedankte mich freundlich bei dem Beamten. Ich weiß nicht einmal ob er antwortete, mir Glück wünschte und was auch immer. Aber wozu sollte er dies auch tun? Er hatte mir mindestens 5 mal mitgeteilt: „das kann nicht gehen…" Ich blickte nach oben und lachte....

So rannte ich um 16.15 (!) aus dem Gebäude und sah, dass das Taxi grade vorgefahren war, während der uniformierte Botschaftsmitarbeiter meinen Koffer einlud. Was der eine an Bürokratismus lebte, lebte dieser an Mitgefühl und Liebenswürdigkeit. Er gab offensichtlich bereits Anweisungen an den Taxifahrer so dass ich beruhigt einstieg. Das was sollte, würde geschehen. „Airport" war die klare Bestimmung. So tat der Fahrer sein Bestes, und meinte: „wenn alles gut läuft, können wir um 16.45 ankommen. Doch es ist Berufsverkehr…" Der Weg von der Botschaft, also aus Wellingtons City zum Flughafen ist traumhaft. Eine schöne Bucht nach der anderen. Doch genießen konnte ich nicht wirklich. Und trotz kleiner Verzögerungen stieg ich um 16.42 aus. Liebenswürdigerweise nahm der Fahrer Euro als Bezahlung an, ich zahlte sehr großzügig!

Und so stand ich nun um 16.45 vor der netten Quantas Dame. Sie sah mich bereits durch die Tür kommen und schien eine Art Geist zu sehen. Große Augen, weit aufgerissener Mund… „You remember me, The Lost Passport??? Es folgte eine kurze Pause. "Yes", Ich sah es in Ihrem Gesichtsausdruck: "das kann doch niemand schaffen..."
Ja, sie erinnerte sich. Meine Frage ob ich früh genug sei, wurde verneint worauf hin ich sie doch sehr konkret und direkt bat, anzurufen. Beispielsweise das Gate oder gar den Piloten. Offensichtlich völlig verwirrt nahm sie den Hörer, tippte weiterhin auf ihrem Keyboard und sagte nach längerer Pause: „Yes". Wieder vergingen Momente bis ich nochmals fragte ob ich früh genug sei. Es folgte die klare Ansage ich solle mich beeilen… Der Pass wurde kopiert, ich nahm die Boardingpässe und rannte los. „Der Koffer wird nicht rechtzeitig am Zielort sein", teilte mir die immer noch geschockte Dame während ich losrannte. Die Zollbeamten wussten vom Vorgang wohl nichts, ließen mich aber dennoch zackig durch, trotz Wasserflasche im Rucksack. Nun, sie (die Quantas Dame) würde mich ja nicht durchlassen wenn‘s zu spät wäre, doch war ich irritiert als eine Masse von Leuten an meinem Gate stand.

„Was mach ich, laufe ich an denen vorbei? Vordrängeln? Vielleicht wird ja schon der nächste abgefertigt? Hm, der Mann da sieht aus wie ein Deutscher, den frag ich…"
„Tschuldigung, fliegen Sie auch nach Melbourne?" Er: „Ja, Wir stehn seit etwa einer halben Stunde hier. Es soll geboardet werden. Niemand weiß was los ist…"

Ich weiß was los ist, denke ich und lache innerlich. Eine Glanzleistung… Wie sollen sie Boarden? Ich war ja noch nicht da. 17 Uhr und ich bin rechtzeitig. Viel Erleichterung macht sich breit während ich Eva am Telefon habe. Sie war sich immer sicher dass es klappt. Ich auch- etwas- lach. Und so telefonieren wir, während wie aus dem Nichts die Quantas Dame vor mir steht. Und was hält sie mir entgegen? Meinen verlorenen Reisepass. Er war gefunden worden. Und ich hatte mittags das Gefühl: „Er wird rechtzeitig auftauchen"…

Es war nicht alles was an diesem Tag passierte, was holperte auf diesem Heimweg: Heißgelaufene Bremsen am A380, 2 deftige Verspätungen. Doch was auch passierte: Der Koffer war mit dabei!

Danke nochmal an alle Helfer!

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